Evolution

Libellen gehören wohl zu den faszinierendsten Insekten. Ihre Vorfahren lebten bereits vor 250 Millionen Jahren. Diese Tiere hatten eine Flügelspannweite von bis zu 75 cm und waren damit die grössten jemals existierenden Insekten. Zur Zeit der Saurier vor 150 Millionen Jahren entsprachen Grösse und Körperbau der Libellen bereits in etwa den heutigen Arten. Somit haben sie sich seit dieser Zeit nur noch unwesentlich verändert, was ein Beweis für den ungeheuren Erfolg ihrer Lebensstrategie ist.


Systematik

Innerhalb des Systems der Insekten gehören die Libellen (lat.: Odonata) zu den Fluginsekten (Pterygota) und dort zusammen mit den Eintagsfliegen zu den Altflüglern (Palaeoptera). Ihnen werden die übrigen Fluginsekten (also z.B. auch die Bienen) als Neuflügler (Neoptera) gegenübergestellt. Letztere verfügen über ein zusätzliches Gelenk, das es ihnen ermöglicht, die Flügel beim Zusammenlegen gleichzeitig um ihre Längsachse zu drehen, sodass die Flügeloberseite nach aussen bzw. oben zeigt. Libellen können ihre Flügel zwar auch zusammenlegen, aber dabei nicht drehen. Dadurch liegen bei ihnen die Flügeloberseiten aufeinander und die Unterseiten zeigen nach aussen.

In Europa gibt es insgesamt 79 Libellenarten. Man unterteilt sie in zwei Gruppen, in die Grosslibellen (Anisoptera) und die Kleinlibellen (Zygoptera).



Grosslibellen Mitteleuropas

 
Familien

   Edellibellen (Aeshnidae)

      Gattungen

         Aeshna (Mosaikjungfern)
         Anax (Königslibellen)
         Brachytron (Schilfjäger)
         Boyeria (Geisterlibellen)

   Quelljungfern (Cordulegastridae)

      Gattungen

         Cordulegaster (Quelljungfern)

   Flussjungfern (Gomphidae)

       Gattungen

         Gomphus (Keiljungfern)
         Onychogomphus (Zangenlibellen)
         Ophiogomphus (Flussjungfern)

   Falkenlibellen (Corduliidae)

       Gattungen

         Cordulia (Falkenlibellen)
         Epitheca (Zweiflecke)
         Somatochlora (Smaragdlibellen)
         Oxygastra (Flussfalken)

   Segellibellen (Libellulidae)

       Gattungen

         Crocothemis (Feuerlibellen)
         Leucorrhinia (Moosjungfern)
         Libellula (Segellibellen)
         Orthetrum (Blaupfeile)
         Sympetrum (Heidelibellen)


 

Grosslibellen sind von kleineren bis grossen Ausmassen (3 bis 8,5 cm Körperlänge) und haben an der Basis stark verbreiterte Hinterflügel. Die Flügel sind stets ausgebreitet; viele Segellibellen (Libellulidae) drücken sie auch nach vorne unten.

Männchen Grosser Blaupfeil und Feuerlibelle

Männchen des Grossen Blaupfeils (Orthetrum cancellatum)und der Feuerlibelle (Crocothemis erythraea) mit typischer Flügelhaltung der Segellibellen




Die Augen berühren sich meistens in der Kopfmitte, nur bei den Flussjungfern (Gomphidae) sind sie getrennt.

Männchen Kleine Zangenlibelle

Die Kleine Zangenlibelle (Onychogomphus forcipatus) ist ein typischer Vertreter der Flussjungfern.


Der Hinterleib der Grosslibellen ist ganz unterschiedlich geformt. Bei den Edellibellen (Aeshnidae) ist er z.B. lang und zylindrisch, bei den Segellibellen dagegen oft kurz und gedrungen.




Kleinlibellen Mitteleuropas

 
Familien

   Teichjungfern (Lestidae)

      Gattungen

         Chalcolestes (Weidenjungfern)
         Lestes (Binsenjungfern)
         Sympecma (Winterlibellen)

   Schlanklibellen (Coenagrionidae)

      Gattungen

         Cercion (Pokaljungfern)
         Ceriagrion (Rubinjungfern)
         Coenagrion (Azurjungfern)
         Enallagma (Becherjungfern)
         Erythromma (Granataugen)
         Ischnura (Pechlibellen)
         Nehalennia (Zwerglibellen)
         Pyrrhosoma (Adonislibellen)

   Federlibellen (Platycnemididae)

      Gattungen

         Platycnemis (Federlibellen)

   Prachtlibellen (Calopterygidae)

      Gattungen

         Calopteryx (Prachtlibellen)


 

Kleinlibellen sind Libellen von kleiner bis mittlerer Grösse (2 bis 5 cm Körperlänge) und haben einen quergestellten, hammerförmigen Kopf und einen schlanken Hinterleib.

Gebänderte Prachtlibelle Männchen

Die Gebänderte Prachtlibelle gehört zu den farbenprächtigsten und mit einer Länge von 4,5-5cm auch zu den grössten Kleinlibellen.




Bei den meisten Familien werden die fast gleich geformten Vorder- und Hinterflügel im Sitzen über dem Rücken zusammengeklappt. Nur die Teichjungfern (mit Ausnahme der Winterlibellen) halten sie halb geöffnet.

Grosse Pechlibelle und Vierfleck

Eine Kleinlibelle (Grosse Pechlibelle) sitzt oberhalb einer Grosslibelle (Vierfleck). Auffällig ist - neben dem Grössenunterschied - die völlig unterschiedliche Haltung der Flügel.



Namensgebung

Der Name Libelle (Libellula) wurde vom schwedischen Naturforscher Carl von Linné eingeführt und ist vom lateinischen Wort Libella(Hammerhai) abgeleitet. Manche Libellen haben - ähnlich einem Hammerhai - eine hammerähnliche Körperform.

Hufeisen-Azurjungfer Männchen

           Kleinlibelle (Hufeisen-Azurjungfer) mit hammerähnlicher Körperform


Die wissenschaftlichen Namen der Libellen (also Gattung und Art) leiten sich in der Regel von griechischen und lateinischen Worten ab, so z.B. 'Somatochlora flavomaculata' aus gr. 'soma' = Körper und 'chloros' = grün, sowie aus lat. 'flavus' = gelb und 'maculata' = gefleckt. Sie nehmen also Bezug auf Merkmale der Libellen, wie etwa Farbe, Zeichnung, Gestalt, oder auch Herkunft. Arten wurden aber auch nach berühmten Insektenforschern benannt.

Männchen Gefleckte Smaragdlibelle

           Männchen der Gefleckten Smaragdlibelle (Somatochlora flavomaculata)


Körperbau

Wussten Sie, dass die grössten europäischen Libellen, die Königslibellen, kaum mehr als ein Gramm wiegen? Ein Sperling ist also rund 30 mal so schwer! Libellenmännchen sind annähernd gleich gross, aber immer etwas leichter als die Weibchen.
Körperbau der Libellen


Aussehen der Libellen

Man möchte meinen, dass die Libellen einer Art (mal abgesehen von den Geschlechtern) mehr oder weniger alle gleich aussehen und nicht von einander unterschieden werden können. Irrtum! Es gibt Arten, bei denen man Individuen an Hand von Flecken auf Kopf, Brust oder Hinterleib gut von einander unterscheiden kann. Vor allem bei den Edellibellen der Gattung Aeshna sieht man mit zunehmendem Alter häufig Flecken auf Kopf, Brust und Hinterleib, die eine sichere Identifizierung dieser Libellen erlauben (gelegentlich auch in Kombination mit anderen Auffälligkeiten, wie Flügelverletzungen). Manche Individuen haben so auffällige Flecken, dass man sie mit einem guten Feldstecher oder einer Fotokamera sogar im Flug wiedererkennen kann.

Flecken auf Kopf Blaugrüne Mosaikjungfer

    Fleckenmuster auf der Kopfvorderseite der Blaugrünen Mosaikjungfer (Aeshna cyanea)

Unser Artikel "Libellen als Individuen" in der Fachzeitschrift "Entomo helvetica" hierzu




Witzig

Bei manchen Libellenarten ist der Mund derartig geformt, dass sie von nahem wie lustige kleine Kobolde aussehen, die ständig zu grinsen scheinen.

Weibchen Grosser Blaupfeil Männchen Gefleckte Smaragdlibelle
Männchen Grosse Heidelibelle Weibchen Grosse Heidelibelle

"Bitte recht freundlich!"




Bedeutung der Libellen

Libellen sind ein wichtiger Bestandteil eines funktionierenden Ökosystems. In ihrer Funktion als Jäger regulieren sie zum grössten Teil den Insektenbestand und als Beutetiere sind sie eine wichtige Nahrungsgrundlage für Amphibien und viele Vögel. Aus menschlicher Sicht muss man Libellen als äusserst nützlich bezeichnen, da sie riesige Mengen an Mücken und anderen "Schädlingen" vertilgen. Ihr Verschwinden würde ziemlich sicher das ökologische Gleichgewicht nachhaltig stören und für uns sehr negative Folgen haben.

Weibchen Grosse Pechlibelle

Ein Weibchen der Grossen Pechlibelle (Ischnura elegans) verspeist eine Blattlaus.




Bachstelze mit frisch geschlüpfter Kleinlibelle

Eine Bachstelze (Motacilla alba) mit einer frisch geschlüpften Kleinlibelle
als Futter für die Jungen im Nest





Libelle und Mensch

Entgegen einer weitverbreiten Meinung stechen Libellen nicht. Der Aberglaube, dass Libellen stechen könnten, soll von Missionaren, die die Germanen zum Christentum bekehrten, verbreitet worden sein. Die Libellen wurden verteufelt, weil sie der Göttin Freya heilig waren. Dieser Aberglaube hielt sich bis in jüngere Zeit und schlug sich in Ausdrücken wie 'Teufelsnadeln' oder 'Augenstecher' nieder.
Libellen können also nicht stechen, sind auch nicht agressiv gegenüber Menschen und somit völlig ungefährlich für uns.

                    Männchen Kleine Zangenlibelle und kleiner Mensch

                         "Keine Angst, sie sind wirklich harmlos!"


Grosslibellen können sich allerdings mit Beissen wehren, wenn man sie unsachgemäss anfasst, was bei den grösseren Arten ganz ordentlich zwickt. Die menschliche Haut kann dabei allerdings nicht durchdrungen werden. Gar nichts zu befürchten hat man von Libellen, die den menschlichen Körper als Landeplatz auswählen (Video), oder die man nach einem Absturz mit der Hand aus dem Wasser fischt.

Männchen der Weidenjungfer

Dieses Männchen der Weidenjungfer nahm den Finger als "rettende Insel" gerne an.


Um eine geschwächte Libelle aufzuheben, sollte man sie also am besten nicht anfassen, sondern einfach behutsam den Finger vorne hinhalten, so dass sie von alleine raufkrabbelt, wie hier dieses unterkühlte Torf-Mosaikjungferweibchen (Video). Die Libelle wird so den Finger einfach als Sitzunterlage annehmen und nicht als Bedrohung empfinden und deshalb auch nicht beissen.


Libellen im Klimawandel

In den letzten Jahrzehnten stellte man fest, dass sich - vermutlich als Folge der Klimaerwärmung - Libellenarten aus südlichen Regionen Richtung Norden ausbreiten. Bekanntestes Beispiel hierfür ist die Feuerlibelle. Daneben wird sich möglicherweise das Verbreitungsgebiet von Arten, die an ein kühleres Klima angepasst sind, in höhere Lagen oder nach Norden verschieben. Gelingt dieses Ausweichen nicht, dürften die betreffenden Arten verschwinden.

Männchen der Feuerlibelle

                  Ein Männchen der Feuerlibelle (Crocothemis erythraea)


Schutz der Libellen

Fast zwei Drittel der einheimischen Libellenarten sind in der Schweiz gefährdet, einige bereits ausgestorben. Libellen brauchen deshalb unseren Schutz! Das heisst, es dürfen keine Gewässer mehr verbaut oder zugeschüttet werden, ohne dass dafür ein gleichwertiger Ersatz geschaffen wird. Libellenschutz heisst in erster Linie Schutz ihres Lebensraums!
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Literatur:
Sternberg/Buchwald, Die Libellen Baden-Württembergs Band 1 und 2
Wildermuth/Gonseth/Maibach, ODONATA - Die Libellen der Schweiz
Daniel Küry - Faszination Libellen
Gerhard Jurzitza - Der Kosmos-Libellenführer