Larvenstadium
Libellen führen sozusagen zwei Leben, eines als Larve unter Wasser und eines als fliegendes Insekt (Imago). Während das erstere - je nach Art - bis zu einigen Jahren dauern kann, währt das zweite nur wenige Wochen oder Monate. Eine Ausnahme bildet die Winterlibelle, bei der es gerade umgekehrt ist. Ihr Leben als fliegendes Insekt dauert wesentlich länger (ca. zehn Monate), während sie sich in nur drei Monaten vom Ei bis zur schlupfbereiten Larve entwickelt.

Schlupf
Nach Ablauf des Larvenstadiums folgt mit dem Schlüpfen die gefährlichste Lebensphase der Libellen. Dabei klettern die Larven der meisten Arten an einer Unterlage empor (häufig ein Stengel einer Wasserpflanze) aus dem Wasser. Ein paar wenige Arten schlüpfen in horizontaler Lage, oft direkt an der Wasserlinie. Einige Minuten nachdem sich die Larve an einer geeigneten Stelle mit den Fusskrallen fest verankert hat, befreit sich das Tier langsam aus der Schlupfhaut. Erst wenn die Libelle schliesslich ganz draussen ist, wird Hämolymphe (Blut- und Gewebeflüssigkeit) in die Flügel gepresst, die sich dadurch auffalten. Je nach Umgebungstemperatur dauert der ganze Schlupfvorgang ein bis drei Stunden (Bei Kleinlibellen und etwa Flussjungfern auch weniger). Während des Schlüpfens, das bei warmem Wetter häufig morgens oder auch bereits in der Nacht erfolgt, sind Libellen möglichen Feinden schutzlos ausgeliefert. Auch andere Gefahren drohen. Am Ende startet die Libelle dann zu ihrem Jungfernflug (Video ). Dies ist nochmals eine gefährliche Phase, da der erste Flug noch ungeschickt ist und meistens schnurgerade nach oben führt und für Vögel, oder auch andere Libellen sehr leicht auszurechnen ist. Die nach dem Schlupf zurückbleibenden Larvenhäute (Exuvien) sind ein guter Beleg für den Libellenbestand eines Gewässers und werden deshalb häufig von Fachleuten bestimmt und gezählt.

Reifung
Die erste Zeit verbringen Libellen abseits des Wassers. Erst nach Eintreten der Geschlechtsreife suchen sie die Gewässer wieder auf. Die Reifezeit ist bei den meisten Individuen annähernd gleich lang (sie dauert je nach Art zwischen drei und dreissig Tagen), ist jedoch bei den Männchen früher abgeschlossen. Hohe Temperaturen können die Reifezeit vieler Libellen verkürzen.

Ernährung
Libellen sind Insektenjäger, die ihre Beute meist im Flug fangen. Dabei sind ihnen ihre grossen Komplexaugen, die (beide) aus bis zu 30'000 Einzelaugen (Ommatidien) bestehen können, sehr von Nutzen, da Libellen damit nicht nur ausgezeichnet sehen, sondern auch über einen sehr grossen Blickwinkel verfügen. Das zeitliche Auflösungsvermögen der Augen ist mit 175 Einzelbildern/s zudem wesentlich grösser als beim Menschen (20 Bilder/s), so dass Libellen Bewegungen um ein Vielfaches besser erkennen können. Ein dunkler Fleck im Libellenauge, die sogenannte Pseudopupille, zeigt, wohin sich der Blick des Tiers gerade richtet. Gut zu sehen ist für Libellen überlebenswichtig, deshalb erstaunt es nicht, dass die Augen oft gereinigt werden. Dies geschieht mittels kleiner spezialisierter Dornen an den Innenseiten der Vorderbeine. (Video )

Flug
Libellen sind hervorragende Flieger, die die unglaublichsten Flugmanöver ausführen, besonders bei Revierkämpfen. Manche können lange in der Luft "stehen" (Video ), beinahe ohne Flügelschlag dahinsegeln und einige sogar rückwärts fliegen. Bei manchen Arten patrouillieren die Männchen oft stundenlang den Ufern entlang auf der Suche nach Weibchen und setzen sich nur selten nieder.

Fortpflanzung
Bei der Fortpflanzung vereinigen sich Libellen zum sogenannten Paarungsrad, einer einmaligen Erscheinung im Tierreich. Dabei ergreift das Männchen das Weibchen mit den Zangen seines Hinterleibsendes hinter dem Kopf. Sodann krümmt dieses seinen Hinterleib nach vorne und es kommt zur Vereinigung. Der ganze Vorgang kann sich im Flug oder im Sitzen abspielen. Nach der Paarung, die je nach Art eine halbe Minute bis mehrere Stunden dauern kann, kommt es zur Eiablage. Bei manchen Arten legt das Weibchen die Eier allein, bei anderen erfolgt die Eiablage in der Tandemstellung, oder unter Bewachung durch das Männchen, welches während des Vorgangs andere Männchen vertreibt. Die Eier werden dabei meistens in Wasserpflanzen, oder Totholz eingestochen, aus dem Flug abgeworfen, oder an einem Ablagesubstrat abgestreift. Bei manchen Kleinlibellen kann das Weibchen zur Eiablage ganz untertauchen und mehrere Minuten unter Wasser bleiben. Da die Fortpflanzung der Libellen eine sehr komplexe Sache ist, folgt hier eine noch etwas detailliertere Beschreibung.

Flugzeit
Mit einer Ausnahme fliegen die ersten Libellenarten in Mitteleuropa ab April und die letzten (bei mildem Wetter) bis in den November (Dezember) hinein. Die erwähnte Ausnahme bilden die Winterlibellen der Gattung Sympecma, die bei uns als vollentwickelte Insekten überwintern und dadurch auch als erste Libellen im Frühjahr (meist im März) an den Gewässern anzutreffen sind.
zur Startseite  
Literatur:
Sternberg/Buchwald, Die Libellen Baden-Württembergs Band 1 und 2
Wildermuth/Gonseth/Maibach, ODONATA - Die Libellen der Schweiz
Daniel Küry - Faszination Libellen
Gerhard Jurzitza - Der Kosmos-Libellenführer